Das erinnernde und das erlebende Selbst

…Trotzdem identifizieren sich die meisten Menschen mit ihrem erinnernden Selbst. Wenn sie „Ich“ sagen, dann meinen sie die Geschichte in ihrem Kopf und nicht den Strom von Erlebnissen, die sie haben. Wir identifizieren uns mit dem inneren System, das aus dem wirren Chaos des Lebens scheinbar logische und stimmige Geschichten spinnt. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Handlung voller Lügen und Lücken ist und dass sie immer wieder umgeschrieben wird, sodass die Geschichte von heute der von gestern geradewegs widerspricht; entscheidend ist, dass wir stets das Gefühl haben, von der Geburt bis zum Tod ( und vielleicht noch darüber hinaus) über eine einzige, unveränderliche Identität zu verfügen. Das führt zu der fragwürdigen liberalen Überzeugung, dass ich ein Individuum bin und dass ich eine konstante und klare innere Stimme besitze, die dem gesamten Universum einen Sinn verleiht.

Yuval Noah Harari, Homo Deus, S.403

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